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Archive für Januar 2010
Das Glied des Jägers
9.1.2010 von peter.staniczek.
“Was ich so denk”, heißt eine Kolumne des Kommandanten der Altneuhauser Feierwehrkapell´n, Norbert Neugirg, in der lokalen Tageszeitung ´Der neue Tag´.

Norbert Neugirg und die Hallertauer Hopfenköniginnen am 19. April 2007 im Schlafferhof (Foto: Peter Staniczek)
Zum Thema “Die Rehlein-Infanterie” (10.01.2010) fiel ihm folgender Satz ein:
“Da nun aber Bäume inklusive Knospen, Triebe, Rinden usw. für den Menschen fresstechnisch erst interessant werden, wenn sie durch Wildviecher gegangen sind und sich in deren Fleisch verwandelt haben, gibt es nach wie vor diese Nahrungskette, in der auch das Glied des Jägers seine Hand im Spiel hat.”

gefunden im Felsenlabyrinth der Luisenburg bei Wunsiedel, Fichtelgebirge (Foto: Peter Staniczek)
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Ziehnest, Strah mit di Nest
9.1.2010 von peter.staniczek.

“Ziehnest” im Pfrentschweiher (Foto: Peter Staniczek)
Auf dem Foto ist ein Haufen “Ziehnest” zu sehen, ein Streuhaufen (Strahhaffa). Diese “Ziehnest” entstehen beim “Asnasten” der gefällten Bäume. Sie waren bei den Bauern früher sehr begehrt, weil man die “Strah” (Streu) zum “Eistrahn” (Einstreuen) gebrauchte.
Wo der Name Ziehnest oder Zinnest herkommt, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen. Stammwort ist Äste (est), “zieh, zi” steht als nähere Erklärung davor, verbunden werden beide Teile durch ein “n”, damit man das Wort besser, flüssiger aussprechen kann: Zie-n-est, as-n-asten (einen Baum ausasten), N-est (Äste).
Anbieten würde sich zunächst das Verb “ziehen”, das aber in der Mundart “ze´ígn” gesprochen wird und deshalb wohl eher nicht in Frage kommt. Auch bei “Schmeller” habe ich nichts gefunden.
“Der 1. Juli 1895 brachte für Eslarn das größte Brandunglück zeit seines Bestehens.” So lesen wir in Hans Schlemmers Geschichte des Marktes Eslarn (S. 111). “Als der Tag mit einem richtigen Heuwetter begann, waren schon viele Männer von Eslarn nach der zur Heunutzung gepachteten, etwa 1 Stunde entfernten ´Pfrentschweiherwiesen´ geeilt. … In unmittelbarer Nähe der vielfach noch hölzernen menschlichen Behausungen mit Schindel- oder Strohbedachung lagerten die von der Sonnenhitze ausgetrockneten Holzvorräte für den kommenden Winter. … in der hinteren oberen Winklgasse (heute Ludwig-Müller-Straße) [war ein] 6jähriges Söhnchen allein zu Hause, spielte mit noch einem dazugekommenen gleichalterigen Kinde mit Zündhölzern am Schupfentor, bei dem einige Strohhalmedurch eine Spalte ins Freie ragten, und freute sich in kindlichem Unverstand, als die züngelnde flamme den Strohhalm hinauflief und hinterm Schupfentor verschwand, woher aber bald heller Feuerschein die 2 kleinen Übeltäter zum Davonlaufen veranlaßte.”
Dazu eine Aussage von Josefa Meckl (”Pöiterlsimmer”), überliefert von ihrer Tochter Elisabeth Zierer (Xantenmühle):
“In den Jouah, wou´s in Isling brennt haout, wor a groußer Windbruch am Stick. Daou hom d´Leit alle a dirre Straah (dirre Strahhaffa) daham ghat. Wei dann Kin(d)a zindelt hom im Winkl, haout se deswegn as Feier schnell asbreiten kinna.”
(In dem Jahr, als es in Eslarn gebrannt hat, war ein großer Windbruch am Stückberg. Die Leute hatten alle dürre Streuhaufen zu Hause. Als dann im Winkel Kinder gezündelt haben, konnte sich deshalb das Feuer schnell ausbreiten.)
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“Unsterblich duften die Linden”
7.1.2010 von peter.staniczek.
“Wenn der Wanderer auf der Heerstraße von Vohenstrauß nach Wernberg, in der Richtung von Ost nach West zieht, befindet er sich auf dem Grat eines langgestreckten Bergrückens, der zu beiden Seiten ziemlich steil abfällt, und unten rechts das liebliche Lerautal, links das wildromantische Tal der schauerlichen Pfreimd bilden hilft. Sind diese Wasser jetzt auch nicht mehr bedeutend, so waren sie in der Vorzeit um so gewaltiger, da sie tiefe Schluchten in den harten Felsen zu graben vermochten. - Hebt sich das Auge, so sieht es sich bald in die Vergangenheit zurückversetzt beim Anblick der trauernden Trümmer einst herrlicher Burgen, mit denen ringsum die Berghöhen gekrönt sind; vor allem leuchten ihm die stolzen Mauern und Türme der alten Veste der weiland durchlauchtigsten Landgrafen von Leuchtenberg entgegen, da wo der Grat gegen die Naab hin sich abdacht; und neben ihm läuft die Spur der alten Handelsstraße, auf welcher ehedem in der Zeit regeren Verkehrs die Landgrafen den Kaufleuten das Geleit gaben. Da nun, hart an der Straße, zu linker Hand, steht ein einsamer Baum, eine Steinlinde, vor sich einen kleinen Teich, viel mehr Pfuhl, im Rücken einen Einödhof; hier weht der Wind Tag und Nacht, Sommer und Winter, in kalten Strömen, oft in der Stimme des heulenden Sturmes oder des grollenden Donners, und ewig bewegt sich das Laubdach des Baumes und teilt den Schauer des frierenden Wanderers. Darum heißt es hier: beim kalten Baum.” (Franz Xaver von Schönwerth, Aus der Oberpfalz III, 1869, S. 339f)

“Der Kalte Baum”, Rudolf Schieder, Öl-Spachtel-Technik (Repro: P. Staniczek)
Schönwerth schreibt weiter, dass dieser kalte Baum schon 1361 in einer Grenzbeschreibung der ehemaligen Landgrafschaft Leuchtenberg urkundlich erwähnt worden sei. Erst Illuminatus Wagner, der sich wie kein anderer mit der Leuchtenberger Geschichte befasste, beweist in seiner “Geschichte der Landgrafen von Leuchtenberg” (Kallmünz, 1953) dass es sich erstens nur um eine Grenzbeschreibung des Landgerichts Leuchtenberg handelt und diese zweitens ohne Jahreszahl und Datum ist. Im 16. Jahrhundert kam es zu Grenzschwierigkeiten zwischen der Kurpfalz und Leuchtenberg, während deren Verlauf kurpfälzische Beamte den Kalten Baum umhauen ließen. Als sich der leuchtenbergische Kanzler Dr. Johann Federl unter anderem bei seinem kurpfälzischen Kollegen Dr. Reimer beschwerte, musste dieser am 29. Oktober 1596 eingestehen: “Des kalten Peumels wisse er selbst wohl, dass ers gesehen, und sey mit dem Abhaun Unrecht geschehen.” (Leucht. Gerichtslit. Nr. 58 im H.-St. Archiv München, laut Wagner)
Nach dem Streit muss ein neuer Baum gepflanzt worden sein, denn 1612 wird das “Kalte Bäuml” wieder erwähnt. Der schon genannte leuchtenbergische Kanzler Dr. Federl berichtet, dass er am 12. Mai 1612 “… oben bei Kalten Bäuml” das Geleit für den böhmischen König Mathias übernommen habe. Er erwähnt desgleichen einen Vertrag vom 27. Juni 1606, auf Grund dessen der Grenzbaum wieder errichtet worden sei.
Zu Beginn des dreißigjährigen Krieges muss das “Kalte Bäuml” verdorrt sein, denn in den Jahren 1637 und 1642 wird dem Gerichtsschreiber von Leuchtenberg aufgetragen, “daß anstatt des abgedorrten sogenannten Kalten Bäumbls, das die Grenzmarkung gegen Vohenstrauß anzeigt, ein anderes Päumbl dahin gepflanzt werden solle”. (Staatsarchiv Amberg, L 4932 Nr. 51, laut J. Betz in “100 Jahre BLLV, Vohenstrauß 1962)
Nimmt man an, dass sich der Gerichtsschreiber bei der letzten Anordnung nicht solange Zeit ließ wie beim ersten Mal, dann könnte unser heutiger Baum immerhin schon über 360 Jahre (1642 bis 2010) alt sein. Er ist also mindestens der dritte “Kalte Baum”, der uns archivalisch belegt an dieser Stätte auf dem Grat zwischen Pfreimd und Lerau, an der uralten Handelsstraße zwischen Nürnberg und Prag begegnet. (ausführliche Beschreibung: Peter Staniczek, Der Kalte Baum - Geschichten, Mythen und Sagen)
Soviel zu dem Leserbrief von Frau Anneliese Igl aus Weiden in Der neue Tag vom 30.12.2009: “…und wünsche ihm, dass er noch viele, viele Jahre steht und grünt!”
“Salznebel hin, Salznebel her, man müsse sich damit abfinden, dass ein alter Baum nach Jahrhunderten einmal sterbe. Unter dem Gelächter der Zuhörer meinte der Forst- und Landwirt: “Die Aktion kommt mir vor, wie wenn man einem alten Mann Viagra gibt. Er macht nu a paar Zucka, und dann ist Schluss.” (Von (wb), 12.12.2009, Netzcode: 2119412, Oberpfalznetz/Der neue Tag)
Mit obiger Aussage wird Alfons Gollwitzer aus Woppenrieth (Markt Waldthurn, Lkr. Neustadt/Waldnaab) zitiert. Alfons Gollwitzer ist Landwirt, Kulturpreisträger des Landkreises, bekannt als Volksmusikant und “Oldtimer-König”.
“Unsterblich duften die Linden: dreihundert Jahre komme die Linde, dreihundert Jahre stehe sie, dreihundert Jahre gehe sie, sagt der Volksmund.” (Thomas Plän, in Lindenzeit, Buch & Kunsrverlag Oberpfalz, Amberg 1991)
Damit stünde unser Kalter Baum nicht einmal in der in der Mitte seines Lebens, er ist Zeitzeuge der großen Heerzüge seit dem Dreißigjährigen Krieg, er ist Grenzbaum und Wegmarke, als Sagenbaum überblickt er das große, geheimnisvolle Geisterrevier des Elm und die ebenfalls geheimnisvolle Stätte des “Heller Stein” bei Steinach. Tausend Jahre kann er alt werden, wenn er seinem Status als Naturdenkmal gemäß unterstützt, geschützt und bewahrt wird, beispielsweise vor der sog. Verkehrssicherungspflicht.

‘Ausschnitt Landkarte “Prager Straße”, 1623, StAA Plan 3100
Geschrieben in Kultur, Heimatgeschichte, Denkmalpflege, Allgemein | Keine Kommentare »